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TU Berlin

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Ökologische Schäden durch GVO - Modul II

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Gemäß Art. 4 der europäischen Freisetzungsrichtlinie RL 2001/18/EG sind im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, ökologische Schäden (zur Begriffsproblematik s. Ausführungen in Kap. 1) infolge der Freisetzung oder des Inver-kehrbringens von GVO zu vermeiden. Daher bedürfen sowohl die Freisetzung als auch das Inverkehrbringen von GVO einer Genehmigung. Diese Genehmigung wird nur erteilt, wenn keine im Verhältnis zum Zweck der Freisetzung oder des Inverkehrbringens unvertretbaren ökologi-schen Schäden zu erwarten sind (vgl. § 16 Abs. 1 & 2, GenTG). Um diese Regelung in der Praxis anwenden zu können, ist es erforderlich, ökologische Schäden zu definieren und ein Verfahren zu entwickeln, mit dem diese abgeschätzt bzw. bewertet werden können (Operationalisierung).
Die Operationalisierung ist Gegenstand dieses F+E-Vorhabens. Ziel des Vorhabens ist somit die Entwicklung eines unmittelbar umsetzbaren Verfahrens zur naturschutzfachlichen Bewertung ökologischer Schäden, die durch GVO oder deren Verwendung im Freiland entstehen können. Das Verfahren soll dabei sowohl im Rahmen der Umweltrisikoprüfung vor Freisetzungen oder vor dem Inverkehrbringen als auch beim Monitoring anwendbar sein.

Nach der von KOWARIK et al. (2006) entwickelten Definition ökologischer Schäden durch GVO stellt eine Beeinträchtigung betroffener Schutzgüter nur dann einen ökologischen Schaden dar, wenn sie erheblich ist. Die Ermittlung der Erheblichkeit bezieht zum einen die Höhe des Beein-trächtigungspotenzials oder das tatsächliche Ausmaß der Beeinträchtigung (z. B. Rückgang be-stimmter Genotypen infolge von Hybridisierung, Verlust von Lebensraumfunktionen) und zum anderen die naturschutzfachliche Bedeutung der betroffenen Schutzgüter (z. B. hohe Bedeutung eines Schutzgutes aufgrund eines hohen rechtlichen Schutzstatus) ein.
Dieser zweiteilige Ansatz bildet das Kernstück des hier vorgeschlagenen Bewertungsverfahrens, das im Einzelnen folgende Schritte umfasst.

(1) Im ersten Schritt ist abzuschätzen, welche Umweltveränderungen durch einen GVO im Frei-land hervorgerufen werden können. (2) Im nächsten Schritt wird ermittelt, welche der abge-schätzten Umweltveränderungen Beeinträchtigungen bewertungsrelevanter Schutzgüter darstel-len. (3) Im Anschluss findet die eigentliche Bewertung des Schadensausmaßes statt: zum einen sind die betroffenen Schutzgüter hinsichtlich ihrer naturschutzfachlichen Bedeutung zu bewerten. (4) Zum anderen ist das Ausmaß der Beeinträchtigungen abzuschätzen oder festzustellen. (5a) Im darauf folgenden Schritt wird über die Verknüpfung des Beeinträchtigungspotenzials oder -ausmaßes mit der naturschutzfachlichen Bedeutung des von der Beeinträchtigung betroffe-nen Schutzgutes abgeschätzt oder festgestellt, ob die zu bewertende Beeinträchtigung erheblich und somit als ökologischer Schaden einzustufen ist. (5b) Sofern ein Schaden bzw. Schadenspo-tenzial vorliegt, kann dessen Ausmaß bzw. Höhe im anschließenden Schritt über die Differenzie-rung verschiedener Schadensstufen quantifiziert werden. (6) Im letzten Verfahrensschritt ist schließlich zu prüfen, ob die durch den GVO ausgelösten Umweltveränderungen mit räumlich konkreten naturschutzfachlichen Zielsetzungen konfligieren. Hierzu zählen insbesondere Kon-flikte mit den Zielsetzungen eines Natura 2000-Gebietes. Falls Konflikte vorliegen, sind die Verfahrensschritte (2) bis (5b) noch einmal gesondert zu durchlaufen und zwar in Hinblick auf den jeweiligen konkreten Zielkonflikt. Im Ergebnis kann es zu einer von der vorausgehenden allge-meinen Schadensbewertung abweichenden Schadenseinstufung kommen.

Die Bewertung der Bedeutung betroffener Schutzgüter erfolgt anhand der Kriterien „Seltenheit und Gefährdung", „rechtlicher Schutz", „Verantwortlichkeit", „Naturnähe" und „kulturhistorische Bedeutung". Grundlage für die Bewertung nach diesen Kriterien bilden fachliche Einstu-fungen (z. B. Rote Listen) und normative Vorgaben (z. B. FFH-Richtlinie).

Das Ausmaß von Beeinträchtigungen bzw. die Höhe des Beeinträchtigungspotenzials wird anhand der Kriterien „Persistenz und Ausbreitung", „vertikaler Gentransfer", „Auswirkungen auf Nicht-Zielorganismen durch GVO-spezifische Inhaltsstoffe" und „Veränderungen der landwirtschaftlichen Anbaupraxis" ermittelt. Diese Kriterien werden hierbei durch verschiedene Indikatoren operationalisiert. So erfolgt beispielsweise eine Operationalisierung des Kriteriums „Veränderungen der landwirtschaftlichen Anbaupraxis" anhand der Indikatoren „Einsatz von Breitbandherbiziden", „Rückgang des Deckungsgrades von Populationen der Gefäßpflanzenflora betroffener Biotope", „Verminderung der Artenvielfalt der Gefäßpflanzenflora betroffener Biotope", „Rückgang der Populationsgröße ausgewählter Tierarten" und „Veränderung eines Biotops zu einem Biotop geringerer naturschutzfachlicher Bedeutung".

Zur Verknüpfung der naturschutzfachlichen Bedeutung betroffener Schutzgüter mit dem Poten-zial oder Ausmaß bewertungsrelevanter Beeinträchtigungen wurde eine Matrix entwickelt, die eine Skalierung des Schadens bzw. Schadenspotenzials in vier Stufen (S1-S4) vornimmt. Das Ausmaß des Schadens bzw. Schadenspotenzials ist dabei umso höher, je höher die naturschutz-fachliche Bedeutung des Schutzgutes und je größer das Potenzial oder Ausmaß der Beeinträchti-gung ist. Das Schadensausmaß oder Schadenspotenzial wird auf diese Weise für alle bewer-tungsrelevanten Kombinationen aus Beeinträchtigungsausmaß bzw. Beeinträchtigungspotenzial und Schutzgutbedeutung ermittelt. Als Gesamtergebnis der Bewertung wird das Einzelbewer-tungsergebnis mit dem höchsten Schadensausmaß bzw. Schadenspotenzial herangezogen.

Das in diesem Vorhaben entwickelte Bewertungsverfahren wurde beispielhaft in Bezug auf die Freisetzung von herbizidresistentem Raps und Bt-Mais der Linie MON 810 angewandt. Zur Si-mulation wurde als hypothetisches Ausbringungsgebiet eine Fläche im Naturpark Uckermärki-sche Seen ausgesucht. In Hinblick auf die Freisetzung von herbizidresistentem Raps wurde dabei ein sehr hohes Schadenspotenzial ermittelt. Dies liegt insbesondere darin begründet, dass Raps mit verschiedenen Kreuzungspartnern (z. B. Raphanus raphanistrum) fertile Hybriden erzeugen kann. Diese Kreuzungspartner kommen u. a. in stark gefährdeten Biotoptypen (extensiv genutzte Äcker) vor, die in der Nähe der hypothetischen Freisetzungsfläche liegen. Die Anwendung des Bewertungsverfahrens hinsichtlich der Freisetzung von Mais führte zur Indikation eines mittle-ren Schadenspotenzials. Dieses Ergebnis resultiert daraus, dass in der Umgebung der Beispiel-Anbauflächen Schmetterlingsarten mit sehr hoher naturschutzfachlicher Bedeutung (z. B. Violetter Feuerfalter - Lycaena alciphron) in geringem Maße durch toxische Wirkungen beeinträchtigt werden können. Sowohl für HR-Raps als auch für Bt-Mais wurden abschließend Hinweise gegeben zur Durchführung der Umweltrisikoprüfung vor Inverkehrbringen und der FFH-Verträglichkeitsprüfung nach §§ 34 und 34a BNatSchG.

In diesem Vorhaben wurden erste Schritte zur Legitimation der im Bewertungsverfahren vorgeschlagenen normativen Setzungen durchlaufen. Hierzu gehörte insbesondere eine schriftliche Umfrage in Hinblick auf Werthaltungen zur Agro-Gentechnik im Allgemeinen sowie Werthaltungen zu den im Rahmen dieses Vorhabens vorgeschlagenen Kriterien oder Indikatoren und den zugrunde liegenden Schwellenwerten im Besonderen. An der Umfrage nahmen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Naturschutz und Landschaftsplanung, Ökologie, Rechtswissenschaften und Philosophie teil. Die Auswertung der Umfrage führte u. a. zu der Erkenntnis, dass sich die Befragten in Abhängigkeit von ihren Auffassungen zu normativen Setzungen in zwei Gruppen unterteilen ließen. Befragte der ersten Gruppe vertreten die Ansicht, dass die meisten abgefragten Schadenskonzepte anwendbar sind (Konzept der Gleichartigkeit, der evolutionären Integrität etc.). Die zweite Gruppe stand diesen Konzepten neutral bis ablehnend gegenüber. Insgesamt legt die erste Gruppe wesentlich strengere Maßstäbe bei der Indikatorenauswahl und Setzung von Schwellenwerten an. Die Kriterienauswahl an sich fand jedoch innerhalb beider Gruppen breite Zustimmung.
Das hier entwickelte Verfahren zur Bewertung von Umweltwirkungen infolge der Ausbringung von GVO bietet zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für eine Weiterentwicklung. Dies betrifft erstens die Bewertung von Auswirkungen auf Böden und ökosystemare Prozesse. Diesbezüglich fehlen derzeit noch Grundlagendaten und umsetzbare Bewertungskonzepte. Zweitens bedürfen auch die Konzepte zur Bewertung der Bedeutung von Arten und Biotopen sowie ihrer Beein-trächtigung zum Teil einer Verfeinerung. Dies gilt z. B. für die Bewertung der kulturhistorischen Bedeutung und der Naturnähe von Biotopen. Ein dritter wesentlicher Ansatz zur Weiterentwicklung liegt in der Legitimation normativer Setzungen im dargestellten Bewertungsverfahren. Die-se normativen Setzungen bedürfen einer weiteren Abstimmung (z. B. innerhalb eines Delphi-Verfahrens) und soweit möglich einer Standardisierung.

Mittelgeber: BfN
Laufzeit: 08/2005 - 02/2007
Bearbeiter: Dipl-Ing. Robert Bartz, Dr. Ulrich Heink
Leitung: Prof. Dr. Ingo Kowarik


Veröffentlichungen:


Bartz, R., Heink, U. & Kowarik, I. (2010): Proposed definition of environmental damage illustrated by the cases of genetically modified crops and invasive species. Conservation Biology 24 (3): 675-681.

Kowarik, I., Bartz, R. & Heink, U. (2008): Bewertung „ökologischer Schäden" infolge des Anbaus von GVO in der Landwirtschaft. In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Naturschutz und Biologische Vielfalt 56, Landwirtschaftsverlag, Bonn-Bad Godesberg. 248 S.

Heink, U., Bartz, R. & Kowarik, I. (2007): Bewertung von Umweltwirkungen gentechnisch veränderter Organismen im Rahmen des Monitorings. In: Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.): Naturschutz und Biologische Vielfalt 49, Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup: 207-226.


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